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05
2021

Nullzinskrise bei den Lebensversicherungen. Teil 4: Was können wir von Japan lernen?

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Die Europäische Zentralbank veröffentlichte vor einigen Jahren eine Fallstudie darüber, wie es japanischen Lebensversicherern in der extrem langen Niedrigzinsphase erging. Der nachfolgende Beitrag fasst zusammen, was wir von Japan lernen können.

Es gibt kaum empirische Untersuchungen darüber, welche Auswirkungen langfristige Niedrigzinsen für Lebensversicherer haben. Ein gutes Beispiel lässt sich aber ausmachen: Japan. Die dortigen Entwicklungen zeigten, was passieren kann, wenn die Zinsen stark fallen und dann über einen langen Zeitraum niedrig bleiben. Zwar lässt sich das Szenario nicht direkt auf die heutige Situation in Deutschland und Europa übertragen, aber es gibt zumindest interessante Parallelen. Im Folgenden stellen wir die wesentlichen Aspekte der im Financial Stability Review veröffentlichten Fallstudie vor. [1]

Ursachen der Krise

Die Rendite japanischer Staatsanleihen fiel im Laufe der 1980er Jahre sowie zu Beginn der 1990er Jahre rapide. Insgesamt gingen zwischen 1997 und 2003 acht Lebensversicherer pleite oder wurden übernommen. Zu den Ursachen zählten der Analyse zufolge neben den Makro-Faktoren vor allem branchenweite Geschäftspraktiken, die sich im veränderten Umfeld negativ auswirkten. So investierten die Versicherer in den 1980er Jahren infolge des deutlichen Zinsrückgangs verstärkt am Aktienmarkt, der nach Platzen der Börsenblase im Jahr 1989 ebenfalls einen langen Abschwung erlebte. Bereits Mitte der 1980er Jahre gab es zudem erhebliche Währungsverluste, nachdem der Yen stark aufwertete. Doch obwohl die Renditen auf allen Seiten wegbrachen, wurden den Kunden bis Mitte der 1990er Jahre weiterhin Garantien von 5,5 Prozent pro Jahr angeboten. Erschwerend kam noch hinzu, dass gleichzeitig ein harter Wettbewerb mit staatlich geförderten Instituten herrschte.

Rendite- und Aktienmarktentwicklung Japan
Bild 1) Renditen von Staatsanleihen und Aktienmarktentwicklung in Japan
Nach dem Boom der 1980er Jahre kam in den 90ern die Ernüchterung. Die Fragilität der Lebensversicherer schien vor allem der hohen Volatilität der Veränderungen geschuldet, nicht unbedingt nur dem niedrigen Zinsniveau selbst.
Quellen: Financial Stability Review (2015), Euro Area Insurers and the Low Interest Rate Environment, S. 138; IMF International Financial Statistics

Insurance Run

Die Versicherer begannen schließlich, ihre Garantien zu reduzieren. Dies wiederum führte zu einem Vertrauensverlust der Kunden und einem sprunghaften Anstieg der Kündigungen (Insurance Run), welche zu diesem Zeitpunkt noch nicht durch Wertminderungen bestraft wurden. In der Folge mussten sieben Lebensversicherer Konkurs anmelden, ein weiteres Unternehmen wurde durch die Kapitalspritze einer ausländischen Gesellschaft gerettet.

Beim Thema Insurance Run gibt es inzwischen einen entscheidenden Unterschied: Die meisten Versicherer in Europa erlauben Kündigungen heute nur noch unter Abzug von Strafgebühren. Das hat dazu geführt, dass Insurance Runs selten geworden sind. [1]

Die Assets der sieben gescheiterten Unternehmen beliefen sich im Jahr 2000 auf 8,6 Prozent der gesamten Lebensversicherungsaktiva in Japan. Allerdings hielten sich die Auswirkungen auf die Finanzmärkte und die Realwirtschaft in Grenzen, und es wurden keine öffentlichen Gelder für Rettungsaktionen eingesetzt. Die Kunden mussten einen durchschnittlichen Verlust von zehn Prozent hinnehmen, der Rest wurde vom Schutzfonds der Branche übernommen.

Eine höhere Duration, verstärkte Investitionen im Ausland und die zunehmende Übertragung der Anlagerisiken auf die Versicherungsnehmer halfen den japanischen Lebensversicherern, die lange Niedrigzinsphase zu meistern.

Die Erholung

Seitdem hat sich der japanische Versicherungssektor erholt. Zum Teil war das auf die Kursentwicklung an den Aktienmärkten und Investitionen in sehr langfristige Anleihen zurückzuführen. Vor allem aber passten die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle an, weg von der Abhängigkeit von Kapitalerträgen und Sparprodukten und hin zur verstärkten Übernahme von Sterbe- bzw. Langlebigkeitsrisiken. Außerdem wurde im Jahr 2003 das japanische Versicherungsgesetz überarbeitet, das nun die Neuverhandlung von Garantien mit den Kunden erlaubte, ohne dass der Versicherer zuvor erst Konkurs anmelden muss.

Ein Paper von Gen Re nennt weitere Punkte, die dazu beitrugen, dass Lebensversicherer in Japan die lange Niedrigzinsphase trotz starkem Wettbewerb meisterten [2]. So veränderten viele Gesellschaften ihre Asset Allocation in Richtung von Anleihen mit langer Duration, um die Lücke zu schließen, die sich zwischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten aufgetan hatte. Später waren verstärkt Investitionen in US Treasuries zu beobachten, mit denen sich die negativen Renditen japanischer Staatspapiere vermeiden ließen. Generell haben größere Gesellschaften bei ihren Investitionen im Ausland gesucht, da es in Japan aufgrund der alternden und schrumpfenden Bevölkerung kaum Wachstumspotenzial gab. Parallel wurden neue Vertriebskanäle geschaffen, etwa über Banken, die schrittweise auch Versicherungsprodukte verkaufen durften, sowie über das Internet. Ein weiterer, wichtiger Punkt war die zunehmende Übertragung der Anlagerisiken auf die Versicherungsnehmer. So wurde statt der bisherigen, garantierten Produkte verstärkt das Geschäft mit variablen Lebensversicherungsverträgen angekurbelt. Auch wurden auf andere Währungen lautende Policen mit Wechselkursrisiko angeboten.

Der aus Sicht des Papers wichtigste Trend war jedoch die Entwicklung des sogenannten „Third Sector“, zu dem Kranken- und Pflegeversicherungen zählen. Dieser Bereich war lange Zeit ausländischen Versicherern und kleinen Unternehmen vorbehalten, wurde aber 2001 liberalisiert, sodass fortan alle Gesellschaften diese Produkte verkaufen durften. In der Folge konnten Versicherer, die in diese Bereiche diversifizierten, besser abschneiden. Denn die niedrigen Schadenquoten der Third-Sector-Policen ermöglichten ein profitables Geschäft, das die Verluste verringerte und im Zeitablauf zur Erholung des Sektors beitrug. [2]

Fazit

Die deutschen Versicherer haben scheinbar aus dem japanischen Szenario gelernt. Neben dem Bestreben, die Duration der Assets zu erhöhen, ist der zunehmende – und mitunter auch kritisierte – Trend zur Verlagerung des Anlagerisikos auf die Kunden zu beobachten. Auch lässt sich eine Diversifikation der Produktpaletten in Bereiche mit bisher niedrigen Schadenquoten wie etwa Pflegeversicherungen beobachten. Ob die Branche aber ohne große Pleiten durch die weiterhin anhaltende Nullzinsphase kommt, bleibt offen. Letztlich hängt das auch von regulatorischen Rahmenbedingungen ab, die sich erfahrungsgemäß verändern können.

Quellen

[1] Europäische Zentralbank (2015), Euro Area Insurers and the Low Interest Rate Environment, in: Financial Stability Review November 2015, S. 134-146
[2] Nieder, D. (2016), The Impact of the Low Interest Rate Environment on Life Insurance Companies, Gen Re Risk Insights, Nr. 9/2016

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